"Das Wesen der gesamten Photographie ist dokumentarischer Art..." (August Sander (1876 – 1964)
"... August Sander war meiner Meinung nach der beste Pressefotograf. Er inszenierte seine Motive: Er stellte die Menschen auf die Straße, in ihre Häuser und fotografierte sie. Er inszenierte eine Realität, er dokumentierte Deutschland ..." (Oliviero Toscani)
Ich habe das gelesen und finde es hoch interessant. Wie ist eure Meinung?
Konkret geht es um die inszenierten Bilder der Afghanistan-Reise unseres Herrn zu Guttenberg. (http://www.sueddeutsche.de).
Ist das Dokumentation oder ist das "Kunst"? Oder ist Dokumentation auch Kunst? Ist Inszenierung auch Abbildung einer Realität? Was ist die Realität dann überhaupt?
Jeder Mensch hat eine eigene Wahrnehmung/Realität... Wenn in Südamerika ein Flugzeug abstürzt, erfahren wir davon aus den Medien. Unsere ureigenste Realität ist das nicht (es sein denn, wir sitzen im Flieger) Ist es trotzdem real, auch wenn wir es nicht wahrnehmen /erfahren würden? Oder ist für jeden Einzelnen nur real, wenn wir es erleben?
Wenn ich einen Menschen im Studio fotografiere und ihn/sie hinterher in Photoshop soweit aufhübsche (nennt sich Beauty-Fotografie ;-), dass kaum noch der eigentliche Mensch zu sehen ist... ist der Mensch dann auf dem Bild real?
Ich würde mich auf lebhafte Diskussionen in dieser real-virtuellen Welt freuen... Chris
mit august sander nimmst du dir einen ganz ganz großen der zunft zur brust. ich finde das sehr mutig. ja, was kann man/ich dazu sagen? vielleicht ein hauch von geschichte der fotografie:
AntwortenLöschenimmerhin war seit ihrer erfindung die fotografie gedacht als erweiterung der kunst. viele zeitgenössischen künstler/maler haben die fotografie benutzt um ihre durch atelier und leinwandformat begrenzten möglichkeiten zu erweitern. etwas das auch die ebenfalls in dieser zeit aufkommende pleine-aire-malerei durch die impressionisten sehr zu schätzen wusste. renoir, monet, manet und viele andere sind zeugen dieser entwicklung.
das nun das medium fotografie auch einzug in profanere bereiche der gestaltung gefunden hat, liegt in der natur der sache. werbegrafik, dokumentation und selbst pornografie profitieren davon. das macht aber die fotografie nicht weniger künstlerisch.
fotografie war niemals abbildung der realität. auch wenn urlaubsknipser dies irrtümlich behaupten, bleibt jedes foto ein gestalterischer akt. dies gilt ebenso für eine art der gestaltung, wie sie die lomo-bewegung der 80er jahre hervor brachte.
ich behaupte, dass leonardo, würde er heute leben, begeisterter fotograf und photoshopbenutzer wäre, und er seine meisterlichen kompositionen am pc vorbereitet hätte. (so wie er sie in unzähligen skizzen auch von seinen schülern vorbereiten ließ)
den umkehrschritt gehen heute so renomierte künstler wie chuck close oder gerhard richter, die teilweise so malen wie andere fotografieren. die grenzen sind hier bewusst fließend.
und - interessant könnte in diesem zusammenhang die diskussion werden : was ist eigentlich medium, was ist medial? ist der schussapparat von yves klein, mit dem er sein blau auf leinwand verspritzte ein medium?
in diesem sinne, dein/euer ganz realer
ralf (der heidegger)
ps: der artikel in der süddeutschen ist ein absoluter knaller, ein muss für jeden der sich mit medien befasst. danke für die vermittlung
rh
deine Ausführung finde ich sehr spannend. Sich dem einfach nur anzuschließen, wäre wohl zu banal.
AntwortenLöschenAugust Sander ist ein wahrlich Großer unserer Zunft. Ich habe Bilder von ihm gesehen und bin immer wieder begeistert vom Ausdruck seiner Arbeiten. Aber da ich ihn mir nicht "vornehme", sondern nur im Rahmen des Interviews zitiere, ist das nicht mutig, sondern konsequent :-)
Das Schaffen von Kunst, Kreativität generell, ist ein menschliches Grundbedürfnis. Es schlummert in jedem von uns. Ob wir es raus lassen und wie wir damit umgehen, hängt von jedem Einzelnen ab. Aber vorhanden ist es in uns allen. So ist die Fotografie als "Massenmarkt" auch im digital geknipsten Urlaubsfoto ein kreativer Schaffensakt (bewusst oder unbewusst).
Ja, ganz sicher... Leonardo wäre begeistert von den heutigen Möglichkeiten und würde vermutlich die Entwicklung mit seiner Arbeit erheblich beeinflussen. Das wäre klasse!
Fotografie war niemals Abbild der Realität? Das ist sehr deutlich in der Aussage.
Ich würde das nicht so straff formulieren und sage, dass es eine Abbildung einer EINZELNEN Realität ist, eines EINZELNEN Menschen in einer EINZELNEN Situation. Seine höchst eigene Realität, die nicht unbedingt übertragbar ist auf andere Realitäten. Das macht die Urlaubsfotos anderer Leute auch so langweilig in der Nachbetrachtung. Es hat nichts mit uns zu tun. Bedeutung hat es trotzdem!
Der Schussapparat von Yves Klein war definitiv ein Medium... und Kunst an sich. Er hat das Ding entwickelt, um seine Werke schaffen zu können. Eigentlich ist schon der Apparat selbst ein Kunstwerk, da es YKs kreativen Schaffenskraft zu verdanken ist, dass das Medium die Farbe so verteilt hat, wie er es sich gewünscht hat.
Kläre uns ein bisschen über "Medial" und "Medium" auf. Ich mag deine Ausführungen sehr und finde sie bereichernd für die (hoffentlich wachsende) Bloggemeinde.
Einen entspannten Tag... Chris
Anonym hat gesagt…
AntwortenLöschen...
mal ernsthaft: dein gespräch (oder isses n geschreib?) mit ralf heidegger hat n ganz cooles niveau, ich denk mal, dass das den blog beleben wird und vielleicht auch andere animiert in solche fragestellungen einzutreten. für mich ist wikipedia ein muss, wenns um erstinformation geht. deshalb erlaube ich mir hier mal diese 2 links anzugeben, die sich mit medial und medium beschäftigen. dies könnte beitragen die große bandbreite dieser begriffe etwas einzugrenzen.
medial: http://de.wikipedia.org/wiki/Medial
Medium: http://de.wikipedia.org/wiki/Medium
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euer tom
...
12. September 2010 13:29